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Berthold Steinhilber Photography

Faces of Jesus

Porträts von
Jesus Darstellern

Seit 2008 fotografiere ich Jesus-Darsteller bei Passionsspielen in Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Tschechien. Aufführungen, die meist nur alle fünf, sieben oder zehn Jahre stattfinden. Fotografiert wird vor oder nach der Vorstellung, in der Pause, gelegentlich während der Proben. Ich befrage sie zu ihrem Spiel. Wie es ist, den Weg nach Golgota zu gehen oder am Kreuz zu sterben. Vor allem aber, ob und wie sich durch das Spiel ihr eigenes Bild von Christus verändert hat.

Die Darsteller stammen fast immer mitten aus dem Alltag. Handwerker, Künstler, Polizeibeamte, Finanzbeamte. Menschen aus der Nachbarschaft, die für einige Monate im Jahr eine der bekanntesten Personen der Menschheitsgeschichte verkörpern. Manche übernehmen die Rolle über die Jahre hinweg mehrfach.

Jedes dieser Gesichter ist auch eine Antwort auf eine sehr alte Frage. „Wir wollen Jesus sehen“, sagen griechische Pilger im Johannesevangelium zu Philippus, einem der zwölf Apostel. Dieses Verlangen ist älter als jedes Bild von ihm und hat sich nie erschöpft.

Wie sah Jesus wirklich aus? Niemand weiß es. Diese Frage beschäftigt Künstler seit Jahrhunderten. Das heute vertraute Bild mit langen Haaren und Vollbart war keineswegs von Anfang an gesetzt. Die frühchristliche Kunst zeigte Christus zunächst jugendlich und bartlos, als Guten Hirten. Der bärtige, langhaarige Typus setzte sich erst in den folgenden Jahrhunderten durch und hält sich seither, als gäbe es ein wahres Original, an dem sich jede Darstellung misst. Forensische Rekonstruktionen anhand zeitgenössischer Schädelfunde aus Galiläa zeichnen ein anderes Bild: kurzes Haar, dunklere Haut, ein Gesicht des Nahen Ostens.

Die Frage nach dem Aussehen ist dabei nur die vordergründige. Es gibt kein Original, an dem sich ein Bild überprüfen ließe. Jedes Gesicht bleibt offen für das, was der Betrachter selbst hineinlegt. Darin liegt das Rätsel. Darin versteckt sich auch die Antwort auf die Frage, wie Jesus wohl ausgesehen haben mag.

Die Serie wurde mehrfach ausgestellt, einmal gemeinsam mit Stichen von Albrecht Dürer über die Geschichte der Passion, sowie in Magazinen (meist im Ausland, etwa im Schweizer Magazin reformiert.info) veröffentlicht.

Jesus von Tegelen

Jesus von Tegelen

René Geijbels, 42 Jahre, Grundschullehrer.
Niederlande 2010

Jesus von Horice

Jesus von Horice

František Hladký, 45 Jahre, Künstler.
Tschechien 2008

Jesus von Waal

Jesus von Waal

Thomas Hindinger, 21 Jahre, Energieelektroniker.
Deutschland 2009

Jesus von Hallenberg

Jesus von Hallenberg

Burkhard Hesse, 33 Jahre, Bilanzbuchhalter.
Deutschland 2010

Jesus von Klostertal

Jesus von Klostertal

Oswald Wachter, 50 Jahre, Kriminalbeamter.
Österreich 2012

Jesus von Sömmersdorf

Jesus von Sömmersdorf

Stefan Huppmann, 30 Jahre, Zimmermann.
Deutschland 2008

„Your own personal Jesus
Someone to hear your prayers
Someone who cares
Your own personal Jesus
…
Reach out, touch faith“

Depeche Mode "Personal Jesus"

Jesus von Auersmacher

Jesus von Auersmacher

Peter Lang, 32 Jahre, Geograph.
Deutschland 2010

Jesus von Litzldorf

Jesus von Litzldorf

Bernhard Schmid, 19 Jahre, Landwirt.
Deutschland 2009

Jesus von Dorfstetten

Jesus von Dorfstetten

Franz Poschenreithner, 48, Holzschläger.
Österreich 2008

Jesus von Schönberg

Jesus von Schönberg

Lothar Krämer, 49 Jahre, Verputzer.
Belgien 2012

„Im Namen der Religionen ist viel Unsinn verbreitet worden – vom Unrecht ganz abgesehen. Ich habe keine Angst vor der Festlegung auf den Glauben, aber auf die Festlegung von kirchlichen Dogmen. Ich habe den Kommunismus erlebt, dieses geistige Niemandsland, die Unterdrückung und die verbotenen Treffen mit Gleichgesinnten während dieser Zeit. Ich bin ein Vertreter der Freiheit. Aller Freiheit.“

František Hladký
Jesus von Hořice

„Das erste „Probehängen“ war äußerst beeindruckend und hat mich einige Zeit beschäftigt. Man fühlt sich völlig ausgeliefert und exponiert und einfach ganz schlecht! Im Lauf der Zeit kann man sich davon ablenken, indem man sich auf die Aufgabe konzentriert. Trotzdem ist der Moment des Sterbens unfassbar, absolute Stille! Danach wird es hart…da ist man plötzlich sehr mit sich und allein und kann auch schon mal nervös werden.“

Andreas Richter
Jesus von Oberammergau

Jesus von Wintrich

Jesus von Wintrich

Ralf Kaspari, 44 Jahre, Verwaltungsbeamter.
Deutschland 2012

Jesus von Oberammergau

Jesus von Oberammergau

Andreas Richter, 33 Jahre, Psychologe.
Deutschland 2010

Jesus von Thiersee

Jesus von Thiersee

Josef Grasshoff, 39 Jahre, selbständiger Gas-Wasser-Heizungsinstallateur.
Österreich 2011

Jesus von Dammbach

Jesus von Dammbach

Paul Kroth, 52 Jahre, Maler.
Deutschland 2014

Jesus von Klostertal

Jesus von Klostertal

Roland Dallabrida, 51 Jahre. Kriminalbeamter.
Österreich 2012

Jesus von Rieden, Jochen Marx, 37 Jahre, Beamter. Deutschland 2011

Jesus von Rieden

Jochen Marx, 37 Jahre, Beamter.
Deutschland 2011

„Nichts wäre schlimmer, als säuslerisch, pathetisch und überheblich zu wirken. 2000 war Jesus noch als Revoluzzer angelegt. Jetzt ist er eher nachdenklich und macht auch vor seinen Jüngern aus seinen Ängsten keinen Hehl.“

Frederik Mayet
Jesus von Oberammergau

„Die Rolle hat bewirkt, dass ich viele Dinge im Leben anders sehe. Es kennt doch kaum noch einer aus meiner Generation die biblische Geschichte. Die Mythen und Welten all der Computerspiele und Fantasyspiele ersetzen doch alles. Apostel sind doch heute wie Figuren vom anderen Stern.“

Bernhard Schmid
Jesus von Litzldorf

Jesus von Horice

Jesus von Horice

Martin Fejfarek, 34 Jahre, Handwerker.
Tschechien 2008

Jesus von Sömmersdorf

Jesus von Sömmersdorf

Volker Rückert, 30 Jahre, Maschinenschlosser.
Deutschland 2008

Jesus von Oberammergau

Jesus von Oberammergau

Frederik Mayet, 30 Jahre, Pressesprecher am Münchner Volkstheater.
Deutschland 2010

Jesus von Auersmacher

Jesus von Auersmacher

Alexander Lang, 29 Jahre, Zimmermann und Berufsfeuerwehrmann.
Deutschland 2010

Jesus von Wintrich

Jesus von Wintrich

Dirk Mertes, 39 Jahre, Logistiker.
Deutschland 2012

Jesus von Masevaux

Jesus von Masevaux

Christian Nussbaum, 47 Jahre, Maurer.
Frankreich 2010

„Religionen fallen nicht vom Himmel. Religionen sind Menschenwerk. Religiösität und Kirchlichkeit sind nicht dasselbe.“

Franz Poschenreithner
Jesus von Dorfstetten

„Die Päpste, die Kardinäle, die Bischöfe führen sich auf, als gäbe es dieses dramatische Problem nicht, dass die europäischen Christen die Grundsubstanz des Glaubens verlieren“.

František Hladký
Jesus von Hořice

„Der Sinn deines Lebens besteht nicht darin, ständig nach diesem zu suchen, sondern offen zu sein für Erfahrungen, Gefühle und Glauben, die diesen Sinn dann in sich erkennen lassen.“

Lothar Krämer
Jesus von Schönberg (Belgien)

„Für mich ist die Ölberg-Szene die schwierigste Stelle. Hier bin ich allein auf mich gestellt. Für Jesus war es wohl auch die schwerste Stunde. Jesus weiß, dass die Zeit gekommen ist und blickt seinem eigenen Tode ins Auge. Er hat niemanden, der zu ihm steht. Es ist auch eine Art Hilferuf von Jesus an seinen Vater.“

Alexander Lang
Jesus von Auersmacher

Jesus von Thiersee

Jesus von Thiersee

Martin Sieberer, 39 Jahre, Baupolier.
Österreich 2011

Jesus von Ötigheim

Jesus von Ötigheim

Eric van der Zwaag, 47 Jahre, Theater-Schauspieler.
Deutschland, 2015

Jesus von Dammbach

Jesus von Dammbach

Michael Lattus, 42 Jahre, Erzieher.
Deutschland 2014

Jesus von Rieden

Jesus von Rieden

Joachim Breil, 34 Jahre, Verwaltungsangestellter.
Deutschland 2011

Jesus von Dorfstetten

Jesus von Dorfstetten

Thomas Heiligenbrunner, 26 Jahre, technischer Angestellter.
Österreich 2008

Jesus von Engerazhofen

Jesus von Engerazhofen

Erwin Netzer, 42, Realschullehrer.
Deutschland 2010

Die Idee zu dieser Serie entstand 2008 aus der Auseinandersetzung mit dem Porträt als fotografischer Form und der Frage, was ein Gesicht preisgeben und erzählen kann. Aber auch, was es verbirgt. Ich fotografierte zu jener Zeit viele Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und sah beim Bearbeiten der Bilder all die Spuren des Lebens in ihren Zügen. Daraus erwuchs das Konzept für diese Serie an der Schnittstelle von Porträtfotografie, Volkskunde und Religion.

Bis heute sind 28 Porträts entstanden. Der erste Darsteller wurde im Sommer 2008 im tschechischen Passionsspielort Hořice fotografiert. Da die meisten Passionsspiele nur alle vier, fünf, sieben oder zehn Jahre aufgeführt werden, wird die Arbeit daran wohl nicht enden. Zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 sollten zwei weitere Porträts entstehen, doch die Passionsspiele wurden abgesagt. Wie es weitergeht, ist offen.

Für die Aufnahmen halte ich an einer festen Inszenierung fest. Schwarzweiß, das Porträt angelehnt an ein Selbstbildnis von Albrecht Dürer, dazu Licht von oben wie bei Rembrandt. Die Darsteller tragen dabei die Kostüme ihrer Rolle. Leinenkutte, schwarzer Überwurf, Sandalen. Diese Wiederholung zielt auf Zeitlosigkeit und Vergleichbarkeit.

Über die Jahre zeigte sich, dass die Fragen an die Darsteller weniger ausschlaggebend waren, als ich anfangs dachte. Entscheidend war das Porträt selbst, und die Vorstellung, die sich jeder Betrachter davon macht. Damit das funktioniert, werden die Porträts überlebensgroß gezeigt, ab einer Mindestgröße von 60 x 75 cm, in Reihen oder Gruppen. Erst in dieser Kombination beginnen die Faces of Jesus wirklich zu wirken.

Mein eigenes Bild von Jesus, geprägt vom Kreuz in der Küche meiner Großmutter, hat sich über die Jahre dieser Arbeit zunehmend aufgelöst. Der Frage, wie ich ihn mir heute vorstelle, weiche ich deshalb gerne aus. Wenn er heute um die Ecke käme, würde ich ihn wahrscheinlich nicht erkennen.